Definitionen

Erich E. Geiszler
Ein integratives Verständnis von Bildung

Im Laufe der Zeit sind die unterschiedlichsten Versuche unternommen worden, den Begriff der Bildung näher zu bestimmen und mit Inhalt zu füllen. Betrachtet man die verschiedenen Theorien von Bildung näher, so erweisen sie sich als jeweils besonders herausgehobene Aspekte einer zusammengehörenden Bildungstheorie. Sie sind keine einander ausschließenden Definitionen, obwohl sie sich in ihrer geschichtlichen Entfaltung zumeist scharf und ausdrücklich gegeneinander abgesetzt haben.

Ein integratives Verständnis von Bildung sollte also diese Aspekte mehr in ihrer Zusammengehörigkeit als in ihrer Gegnerschaft zeigen und sie unbeschadet ihrer Unterschiedlichkeit in ihrem strukturellen Zusammenhang darstellen.

Die folgenden Aspekte einer in dieser Form verstandenen Theorie von Bildung lassen sich im Anschluss an Erich E. GEISZLER (1981) herausarbeiten und benennen:

  • Erster Aspekt
    einer auf Grundfragen menschlichen Lebens ausgerichteten zweckfreien Bildung, der traditionellen Allgemeinbildung. Teilhabe an der Kultur ist - so schreibt Manfred FUHRMANN, 2000  - in unserer Zeit keine Sache unreflektierter Tradition. Sie bedarf vielmehr des Lernens, der Kenntnisse, der Reflexion - mithin der Bildung. Alfred K. TREML (1994, S. 536) bezeichnet es als einen weitverbreiteten Irrtum, Erziehung müßte vor allem Wissen vermitteln. "Viel wichtiger, und zunehmend wichtiger wird es jedoch, mit der Unwissenheit umgehen zu können." 
  • Zweiter Aspekt
    einer formalen Bildung in ihren drei Bereichen: Verfahren systematischer Arbeit zu beherrschen, Fähigkeit zur Bewältigung von Problemen zu besitzen, über exemplarische, d. h. zentral wichtige Informiertheit zu verfügen.  
  • Dritter Aspekt
    der auf Verwendungsbezüge und Weltorientiertheit ausgerichteten pragmatischen Bildung. Auf dessen Dignität hat kürzlich Rudolf MESSNER hingewiesen. Für den Pragmatismus gelte als Wahrheitskriterium der Bildung die Bewährung im tätigen Leben. Die damit verbundene aktuelle Problematik wird unten unter Nr. 11.1 erörtert. 
  • Vierter Aspekt
    einer sozial orientierten Bildung, die immer in der Spannung von Tradition und Kritik, Bewahrung und Weiterführung steht. 
  • Fünfter Aspekt
    einer auf Selbstbeherrschung und ethische Entscheidungsfähigkeit zielenden Bildung.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat im Januar 2003 seine Denkschrift „Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft" veröffentlicht. Dort werden Positionen vertreten, die ähnlichen Grundgedanken folgen und sie noch weiter entfalten.
 


 

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